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Falter November 02
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Medium / media Falter
Autor / author Klaus Nüchtern
Datum / date 43/02
Seite / page 77

Cheap Thrills: der beste Weg zum günstigen Buch • Noch mehr Buchhandlungen

Que viva stw

PROSEMINAR WIEN, TEIL 6 : LESEN
Obwohl es bei Büchern an sich eine Preisbindung gibt, lässt sich auch vieles unterm Ladenpreis erwerben.

KLAUS NÜCHTERN

Die Wahl des persönlichen Buchhändlers ist eine so delikate Angelegenheit wie jene des Ehepartners. Eine akademisch satisfaktionsfähige Buchhandlung etwa zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie Bücher der stw-Reihe (suhrkamp taschenbuch Wissenschaft) im Fenster stehen hat: Die sehen gut aus, sind wohlfeil, g'scheit und unerlässlich. Ein guter Indikator also, selbst für Buchdisconter.
Beginnen wir mit unserer Jagd nach Cheap Thrills im dritten Bezirk. In der Buchlandung finde ich zwar keine stw-Bände, aber ... dafür gibt es einiges aus der noch schöneren Bibliothek Suhrkamp (Brecht !) zum halben Preis. Für einen Billigbuchladen ist das Geschäft sensationell sortiert. Die Werke des jüngsten Literaturnobelpreisträgers, Imre Kertész, sind zurzeit zwar gerade aus, aber daneben finden sich jede Menge Taschenbücher zum reduzierten Preis – und zwar keineswegs nur Ramsch. Auch die Preise von Hardcover-Ausgaben werden klein geschrieben: Biografien, (österreichische) Belletristik (das gesamte gebundene Werk von Kathrin Röggla etwa, viel Streeruwitz, selten gesehene Broschurausgaben von Norbert Gstrein und Josef Winkler) – et cetera. Von Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit« in der gebundenen Gesamtausgabe um 47,35 Euro ist jetzt allerdings nur noch eine Kassette lagernd.
Gleich neben der U-Bahn-Station Stubentor beginnt das Billigimperium der Buchhandlung Frick. Beim Restseller gibts neben der üblichen Mischung aus Kochbildfotoerotikkunstbänden auch Paperbacks. Stw? Sicher. Gleich fünf Mal stehen Rolf Tiedemanns Studien zum späten Benjamin im Drehständer – man kann es durch die Auslage sehen, das lassen wir gelten. Fricks Restseller am oberen Ende der Wollzeile bietet noch mehr Kochbildfotokunst, und selbst der Frick am Graben lockt nun mit Billigbüchern im Eingangsbereich: Falls man todbringende Krankheiten oder Gäste hat – die Kraft der Steine und die mediterrane Küche helfen gewiss. Im zweiten Untergeschoß dann noch mehr bebilderte Bände (eine 360-Grad-Ansicht von New York kostet statt 100 nur noch 29,90 Euro – und das mit WTC!) Taschenbücher gibts auch. Stw-Indikator: »Vernunft und Lebenspraxis. Studien zur Bedeutung einer rationalen Kultur. Für Friedrich Kambartel«. Brauchen wir mehr Kambartel-Leser? Aber sicher!
Wir nähern uns der Uni. Das Schottentor ist auch das Tor der billigen Bücher. Kuppitsch lockt mit Billigangeboten zu Tantra-Sex und Thai-Küche und beherbergt im Untergeschoß ein kleines, unübersichtliches Antiquariat.

Die stw-Abteilung (Vollpreis) findet sich übrigens bei der Germanistik. Vis-à-vis hat die Buchhandlung am Schottentor eine Diskontabteilung aufgemacht. Dort finden sich dann Urlaubssprachführer mit Audio-CD um 5,20 Euro, aber auch die 18-bändige Sigmund-Freud-Werkausgabe, die nicht mehr 348 D-Mark (circa 170 Euro), sondern nur noch 77,10 Euro kostet. 23 Stück der 8800-Seiten-Ausgabe habe ich gezählt. Die sind, bitte, am 1. Jänner 2003 alle weg! Gemma!
Über einen kurzen Zwischenstopp beim Winzigableger des Kuppitsch im Jonas-Reindl (auch hier lacht Kambartel aus dem Kistl!) gelangen wir per Straßenbahn (43, 44) zu Yellow, einem weiteren Tourhöhepunkt. Da liegt der stw-Band schon in der Auslage, drinnen gibts stw-mäßig alles von Adorno bis Zizek und einen sehr respektablen Taschenbuchladen mit einem sehr guten Angebot an Belletristik und Wissenschaft (Philosophie, Soziologie, Psychologie, ... ), großteils vollpreisig, aber auch verbilligt – und zudem auch noch Sesseln, die zum Schmökern einladen. Mehr Luxus kann man von Cheap Thrills nicht erwarten!


Aktion Billigbuch
Ein Buch ist ein relativ aufwendiges Produkt, an dem viele verdienen müssen und sollten: Autoren, Verleger, Hersteller und Händler ... Um das zu garantieren, gibt es eine Buchpreisbindung, die dafür sorgt, dass die Bücher prinzipiell überall zum gleichen Listenpreis verkauft werden. Es gibt freilich Ausnahmen: So genannte »Mängelexemplare« (deren einziger Mangel in der Regel in dem Aufdruck »Mängelexemplar« besteht) können billiger verkauft werden, dazu kommen Sonderangebote, die v.a. auf dem Sektor diverser Bildbände üblich sind. Anbei ein paar Vorschläge, billig zum Buch zu kommen:

www.sfb.at Das Internet erspart den Gang zum Buchhändler. Über eine Meta-Suchmaschine werden verschiedene Anbieter des selben Buches aufgerufen, was einen direkten Preisvergleich ermöglicht.
Buchlandung, 3., Landstraßer Hauptstraße 19 (Tel. 71 48 007, localhost). Bietet ein beachtliches Sortiment an Taschenbüchern und auch gute Chancen auf ein schönes Hardcover-Schnäppchen.
Restseller, 1., Dr.-Karl-Lueger-Platz 3 (Tel. 513 92 80). Neben den weit verbreiteten Angeboten auf dem Sektor diverser Koch-, Kunst- und Fotobände auch noch Taschenbücher zu Schleuderpreisen.
Frick, 1., Am Graben 27 (Tel. 533 99 14). Im Eingangsbereich und im Untergeschoß lockt die klassische Buchhandlung mit CheapThrills.
Kuppitsch, 1., Schottengasse 4 sowie Schottenpassage 10 (Tel. 533 32 68-0, www.kuppitsch.com). Billigangebote ohne erkennbares System.
Yellow, 9., Garnisonsgasse 7 (Tel. 40 56 857). Sehr brauchbarer Taschenbuchladen (Suhrkamp und andere Wissenschaften) mit einigen Sonderangeboten. Kostenloser Suchdienst.
Buchhandlung am Schottentor, 1., Schottengasse 9 (Tel. 533 83 07, www.schottentor.at). Jetzt mit eigener Diskont-Abteilung: vom Urlaubssprachkurs bis zur Sigmund-Freud-Werkausgabe.
Deuticke, 1., Helfersdorfer Str. 4 (Tel. 533 64 29). Universitätsbuchhandlung mit eigenem. umfangreichem Antiquariat.
Schaden, 1., Sonnenfelsg. 4 (Tel 512 48 56) und Lugeck 7 (Tel. 513 82 89). Noch ein Antiquariats-Klassiker in der Innenstadt.
Hintermayer Büchermarkt, 7., Neubaugasse 29 (Tel. 532 02 25-13) und Neubaug. 36 (Tel. 523 10 57-11). Praktisch Wiens ältester Buchdiskonter. Auf dem Kunst- und Geschichte-Sektor gibt es immer wieder interessante Schnäppchen.

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